Porträt
(Foto: Philipp Braitinger)

„Mit der ihr eigenen zupackenden Art und einem Füllhorn an Ideen hat sie in vielen Jahren, unterstützt vom Kunstverein, von der Volkshochschule und finanziell mitgetragen von der Stadt, eine Vielzahl an Kunstprojekten angestoßen. […] Ob sie von den Begegnungen auf dem Poetenweg erzählt, von den Lesungen in der Stadtbücherei im kleinen Schlößchen oder von der Installation von ‚Lyrik-Fahnen’ zwischen den alten Bäumen im Schloßpark, immer strahlt Tina Stroheker die Empathie für ‚ihre kleine Stadt’ aus, zu deren Mobiliar sie inzwischen gehört, wie sie lachend meint.“

(Barbara Lambeck, „Kultur macht heimisch“. In: KUNSTUNDKULTUR, Berlin, 2/ 2012)

  

„Tina Stroheker weiß, dass sie für viele dem typischen Bild der sich abgrenzenden Künstlerin entspricht, und sie hat nichts dagegen. ‚Ich möchte mich keinesfalls dezidiert darstellen. Andererseits muss ich nicht bei allem mitmachen. Ich grenze mich also schon manchmal ab’, sagt sie mit nachdenklichem Unterton. Ein Gefühl der Andersartigkeit verspürte die gebürtige Ulmerin bereits in den Kinderjahren. Sie habe erkannt, dass sie ‚irgendwie nicht ganz dazu passte’ zu dieser so harmonischen Familie mit Zwillingsbruder und den heißgeliebten Sommerferien im Allgäu, wie sie, etwas nach Worten ringend, formuliert. Es habe sie etwas damals noch Unbestimmtes umgetrieben, das seinen Ausdruck erst viele Jahre später in Gedichten und Prosatexten finden konnte. Dennoch erwecken die Worte der Lyrikerin den Eindruck, dass sie in ihrer Kindheit, in ihrer Familie glücklich war. Mit der Andersartigkeit hat sie sich ohne Probleme arrangiert. Zumindest ihre regelmäßigen Café-Besuche habe sie sich durch ihren Status als Schriftstellerin verdient, meint sie mit einem ironischen Lächeln. Sie sagt bestimmt: ‚Du musst halt selbst auch immer wieder dazu stehen, was für ein Typ du bist.’“

(Kathrin Schoch, „Die Sprache hinter dem Vorhang.“ In „Literarische Vielfalt in Ostwürttemberg. Frauen greifen zur Feder“, II. Schwäbisch Gmünd 2008)

  

„Es bleibt ihr Geheimnis, wie sich über ihre knappen, meist reimlosen Verse diese eindringlichen Bilder einstellen. Deren überraschende Gegenwärtigkeit kontrastiert scharf mit der Kargheit ihrer Sprache. Den allgegenwärtigen Bilderfluten setzen sie etwas entgegen, einen Widerstand, ein Innehalten, das eine subjektive Zeit birgt. Dabei hat sie das Sehen, den Gesichtssinn, nie als selbstverständliche Fähigkeit empfunden. ‚Mit drei verschwamm plötzlich die Welt’, schreibt sie über das weitsichtige Kind, dem Augentropfen die Sehschärfe trübten. Die Heranwachsende in den frühen 60er Jahren erfährt den Blick von außen als Zurichtung. ‚die Brille, mein Buckel’. […]

Von dem her zu schreiben, ‚was vor Augen liegt’, ist über die Jahre ihr poetisches Prinzip geblieben. Eine visuelle Aufmerksamkeit, der überbordende Metaphorik ebenso fremd ist wie grelle Selbstinszenierung. Sie weiß, wie entscheidend es ist, der eigenen Bilder innezuwerden – in den Koordinaten von Literatur, Poesie und Geschichte.“

(Dorothee Hermann, „Der Augenblick als poetisches Prinzip. Die Lyrikerin Tina Stroheker“. In: Literaturblatt Baden-Württemberg, Stuttgart, Jan./Febr. 2010)

  

Gerd Kolter im Interview mit der Autorin:

Worin liegt für dich der Antrieb zum Schreiben?

„Schreiben, vor allem am Gedicht, ist eigentlich meine Art nachzudenken. Je mehr mich etwas angeht, desto stärker drängt es in die Gedichtform. Dabei stellt das Gedicht natürlich mehr Fragen, als daß es Antworten gäbe. Und weil die Fragen im Leben kompliziert sind, können auch die Gedichte nicht einfach, einfältig sein.“

Viele Autoren beklagen das langsame Verschwinden der Literatur und der Schriftsteller aus der Öffentlichkeit. Siehst du auch diese Entwicklung? 

„In gewissem Maße, ja. Sicher haben die Schau-Lust, die multimediale Alltagswelt und die diversen Freizeit-Gepflogenheiten Dichtung für viele Menschen fremd werden lassen. Aber erstens gibt es noch Lese-Lust, und dann sind Schriftsteller immer auch Bürger und haben aufgrund ihrer Begabung eine besondere Aufgabe. Wir müssen den Mund öffnen. Aber jeder muß dies so tun, wie er es vermag: Der eine wie ein Günter Grass, der andere schickt ein ‚kleines‘ Gedicht los.“

(„Alltag mit Literatur“. In: „Aufenthalt“, Bd. II, 1998)

Bücher! Mit dem Zwillingsbruder (Foto: Helene Kreutzer)

Eine Selbstbefragung von Tina Stroheker:

Sind Sie denn im Rückblick mit Ihrem bisherigen Weg zufrieden?

Sie kennen Gottfried Benns Bemerkung, sechs bis acht gute Gedichte im Leben zu schaffen, das wäre schon etwas. Ich bin nicht Benn und auch noch nicht zu Endzeitgedanken gezwungen, also halbiere oder drittele ich übungshalber einmal seine Zahlenangaben – zwei, drei Gedichte, die ich heute für gelungen halte, das wäre doch etwas. Letztlich arbeitet jeder Künstler immer noch auf sein ‚bestes Werk‘ zu, das treibt ihn ja.

Hätten Sie nachträglich etwas anders machen wollen?

Jetzt könnte ich antworten, ich hätte einfach viel bessere Texte schreiben müssen! Vielleicht müßte ich auch fleißiger sein? Disziplinierter, regelmäßiger auch an Gedichten arbeiten? Diszipliniert bin ich durchaus, aber die Lyrik entzieht sich oft dieser Disziplin. Das alles würde also nichts ändern – mein Arbeitsrhythmus, die langen Intervalle und dann die aufreibenden Intensiv-Phasen, die gehören zu mir. Da ich ja sehr viel zu tun habe, was höchstens zum Umfeld der Arbeit an Gedichten gehört, findet sich immer vieles zu erledigen vor, und ich erledige das ziemlich pedantisch.

Zuletzt eine grundsätzliche Frage: Worin sehen Sie heute die Aufgabe der Dichtung?

Grundsätzlich können sich auch Schriftsteller ‚der allgemeinen Misere nicht entziehen’, wie das Camus einmal ausgedrückt hat. Ich glaube, wir befinden uns in einer Krise. Frühere Wertvorstellungen sind sowieso längst erschüttert bzw. weg, neuere – etwa die Demokratie - schwerer zu verwirklichen, zu leben, als man naiverweise annahm. Utopien gelten als ‚altbacken‘, oder man unterstellt ihnen Fundamentalismus. Die Gefährdung des ökologischen Gleichgewichts ist eine Tatsache. Wir leben in einer großen Hektik, es gibt einen Freizeit-Betrieb, der die Leute fertig machen kann. In dieser Umgebung müssen wir, jeder auf seine Weise, handeln, gerade auch als Bürger. Aber auch das Gedicht muß weitermachen, unbeirrt, fruchtbar irritiert. Ich weiß, daß ich weiterhin Gedichte schreiben werde, ein zurückhaltendes Gegen-Programm zur allgemeinen Unruhe. Das nämlich kann das Gedicht sein.

(„Unbeirrt, oder: Aus der Not eine Tugend machen“. In: ‚Aufenthalt‘ , Bd. II, 1998)

(Foto: Heinrich Domes)

„Tina Stroheker kann Erfahrungen Sprache werden lassen, wie man es selbst nicht gekonnt hätte, so nämlich, daß diese Erfahrungen bestätigt und zugleich in Frage gestellt werden: Boden und Bodenlosigkeit. So macht ihre Lyrik oft geradezu vergessen, daß Kunst nötig war, sie entstehen zu lassen. Die Gedichte bleiben stets auf eine selbstverständliche Art bescheiden. Den hohen Ton, der immer Gefahr läuft, hohl zu klingen, schlägt sie fast nie an. Sie verrätselt nichts absichtlich, sie versagt sich bedeutungsschwangeres Raunen. Diese Gedichte geben nicht vor, die Welt neu zu erfinden, aber sie sprechen über Bekanntes so, daß etwas anderes dahinter sichtbar wird: schön, oder verstörend, immer anders als gewohnt, immer so, daß man zuhört.“

(Armin Ayren, „Von einfachen Dingen und von den Dingen dahinter“. In: „Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte...“, 1996)

  
“Das Bekenntnis zur Tradition steht für sie außer Frage, in einem Atemzug nennt sie Eichendorff und Mörike, die für sie schon als Schülerin zu selbstverständlichen Begleitern wurden. Bewunderung für ihre Werke dient jedoch nicht einer epigonenhaften Nacheiferung, sondern der Erkundung, wie Autoren sich in ihrer je eigenen Zeit ausdrückten, d.h. auch der Überprüfung, was heute nicht mehr geht, formal wie inhaltlich. Adolf Muschg hält die Literatur für Lebensersatz auf anderer Ebene, Tina Stotz-Stroheker räumt ein, daß die gebundene Sprache, also die Form eines Gedichtes ihr oft das Gefühl vermittle, etwas inhaltlich gerettet zu haben.“
(Heinrich Domes, „Literatur als Lebensmittel?“ In: Südwestpresse, Ulm, 18. 9. 1984)